Schlaflos

Ein Jahr ist es her. Genauer gesagt: Ich habe ein Jahr gebraucht, um Worte zu finden, die das Erlebte angemessen ausdrücken können. Wenn ich zurückdenke, bekomme ich sofort wieder Magenschmerzen und Augenringe. Ich war nämlich vor ziemlich exakt einem Jahr das erste Mal in meinem Leben im KRANKENHAUS! 

Bisher konnte ich diese Einrichtung dank Alkohol und Hausgeburten meiden. Aber als dieser völlig überflüssige Blinddarm beschloss, mir mal richtig Ärger zu machen, war ich trotz meiner angelesenen Medizinkenntnisse überfordert.

Nur so viel: Es tat vorher weh, das Narkosemittel ist mir leider in den Arm gelaufen, das tat hinterher noch viel mehr weh, aber die Narkose war geil und es ging mir sofort wieder so gut, dass ich schon nach einer Stunde hätte nach Hause gehen können. Hätte, hätte, Fahrradkette …

Dann hätte ich aber nicht Frau Hägermann*, meine Bettnachbarin, kennen gelernt. 

Frau Hägermann hat eine Handgelenk-OP und Schmerzen. Diese „Schmerrrrzen“ (Kölsch) muss Frau Hägermann sekündlich kundtun: „Näää, wat hab‘ ich Schmärrrzen!“ Das verordnete Schmerzmittel „verträgt“ sie nicht, sie versorgt sich aus einem mitgebrachten Drogentütchen, das sie in Ihrer Handtasche versteckt. Wenn die Schwester kommt, nimmt sie aus schlechtem Gewissen schnell das offizielle Schmerzmittel. Zusätzlich! Sobald die Schwester weg ist, muss sie erbrechen. „Nääää, wat is mir schläääächt! Isch hab‘ jebrochen wie ein Reiher!“ Danke für die Information.

Ich freue mich den ganzen Tag auf die Nacht. Nachdem ich jetzt noch die Hägermann-Tochter Sandra und den Joachim und deren äußerst komplizierte Beziehung kennen und lieben gelernt habe und ausführlich über Frau Hägermanns Square-Dance-Gruppe informiert bin, liegt die Frau endlich waagerecht.

Ich genieße die Ruhe und die Bequemlichkeit des nächtlichen Fernsehens mit Kopfhörern, bin gegen 2 Uhr nachts auch endlich so müde, dass ich glaube, doch tatsächlich schlafen zu können, OBWOHL ich in einem Krankenhaus bin. Mit einer fremden Person. In EINEM Raum!

Also Fernseher aus, Kopfhörer ab. Ich höre Frau Hägermann. Die Frau spricht im Schlaf! Die ganze Zeit! Genaues verstehe ich zwar nicht, es ist so eine Art Jammer-Mantra, das sie da vor sich hin brabbelt. „Ja, nee, ich weiß et ja nit, wat mach ich nur. Die wollen doch, nee, nee, nee diese Schmerrrrzen, ja, ja, nee, nee …“

Ich werde wahnsinnig. Ich kann nicht schlafen, ich gucke Fernsehen. Bis fünf Uhr habe ich alles gesehen, was die internationale TV-Landschaft zu bieten hat. Gegen halb sechs dämmere ich dahin.

Halb sieben. Jemand klopft gegen meine untere Bettkante. Ich fasse es nicht!
Frau Hägermann ist wach und diesen Zustand möchte sie gern mit mir teilen:
Frau H.: „Schlafen Se noch?“  [Ich antworte nicht!]

Frau H.: „Mann, wat hatte ich Schmerrrrzen! Schlafen Sie noch?“

Ich: „Neiiiiin!“

Frau H.: „Ja, warum denn nit, is doch noch früh!“

Ich: „Weil Sie ja mit mir reden!“

Frau H.: „Ach! Ham Sie denn noch jeschlafen?“

[Aaaaaaaaaaaaah! Das Krankenhaus verfügt über keine psychiatrische Abteilung.]

Mittags gibt es dann noch vegetarische Tortellini mit Fleischfüllung. „Aber die Käsesoße“, tröstet die Krankenschwester mich, „die ist vegetarisch!“

Mit Hungerstreik, unglücklichem Blick und betörendem Augenaufschlag kann ich den Arzt davon überzeugen, mich vorzeitig aus der Haft zu entlassen. Ich möchte nie wieder da hin. Ich hoffe, es gibt bald die Möglichkeit, ambulante Operationen zu Hause im Wohnzimmer durchführen zu lassen.
*Name extra nicht geändert. Harrharr

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