Wer soll das aussitzen?

Ein Plädoyer für mehr Bequemlichkeit im Theater

 

Eigentlich bin ich ja mehr so der Kinogänger. Kino, da sitzt man in bequemen Polsterstühlen, ja echt, auch in Programmkinos ist das so. Man kann die Füße ausstrecken, sich zurücklehnen und die müden Arme auf einer Stuhllehne ablegen.

Leider darf man während des Films auch essen oder trinken, aber das ist ein anderes Thema.

Jetzt war ich zweimal im Theater. Einmal im Bauturm-Theater in dem Stück „Kunst“ von Yasmina Reza. Letzte Woche in „Wir sind keine Barbaren“ von Philipp Löhe. Ich kann nur sagen: Toll! Beide Stücke sind einfach großartig und die schauspielerische Leistung ebenso. Ich war begeistert, inspiriert und vor allem fühlte ich mich beide Male unglaublich gut unterhalten.

Aber ich war auch überrascht. Wir waren nämlich mit Ende vierzig nicht die Ältesten im Theater, bei weitem nicht. Das ein oder andere Pärchen war locker über siebzig. Das fand ich erstaunlich und ich war voller Bewunderung für diese Damen und Herren, die bereit sind, für die Kunst ihr sicherlich bequemes Sofa zu verlassen, sich auf den Weg zu machen und sich ein Theaterstück abseits von Oper, Philharmonie und Schauspielhaus anzusehen. Ich war sogar ein bisschen gerührt und hoffte inständig, dass ich in diesem Alter auch noch zu so etwas in der Lage sein werde.

Das allerdings ist in Köln zu 98% eine Frage der körperlichen Fitness: Steinharte Stühle, bestenfalls aus den 70er Jahren, in drangvoller Enge aufgereiht. Beinfreiheit wie im Billigflieger nach Malle. Polster? Glückssache. Ein Bühnenraum, dessen Zustand man noch nicht einmal mit „marodem Charme“ schön reden könnte. Man ist froh, wenn das Licht ausgeht.

Wer es mit über siebzig zwei Stunden auf einem Klappstuhl aushält, verdient das Bundesverdienstkreuz am silbernen Thera-Band.

Gut, diese Nachkriegsgeneration ist Entbehrungen gewohnt, aber ist das eine Entschuldigung? Wir sollten uns kollektiv für diesen Zustand schämen. Und Abhilfe schaffen. Wir sind ein stinkreiches Land, wir haben Geld für Stadtschlösser und sinnlose Prachtbauten aller Art. Aber eine ordentliche Bestuhlung, eine neuer Anstrich oder gar eine Komplettrenovierung unserer kleineren Theater ist nicht drin.

Vielleicht ist das naiv. Vielleicht bin ich als passionierte Kinogängerin einfach verwöhnt. Aber vielleicht gibt es auch einen reichen Mäzen, der mit einem beherzten Einkauf dafür sorgen möchte, dass der tapfere Theaterbesucher wieder etwas Weiches unter den Hintern bekommt. Dafür würde ich sogar Werbung vor der Vorstellung in Kauf nehmen:

„Liebe Theaterbesucher! Den traumhaft weichen Sessel unter Ihrem Hintern spendierte die Firma Podex. Wir wünschen Ihnen guten Sitz und eine schöne Vorstellung.“

Vorhang auf.