Wie KI, SEO & GEO das Web zum Einheitsbrei machen.

Ein Gedankenexperiment: Was, wenn die Optimierung für Maschinen am Ende alles zerstört, was Websites eigentlich besonders macht?
Vielleicht kennst du dieses Gefühl beim Scrollen auch. Man landet auf einer neuen Website – einem Blogartikel, einem Ratgeber, einer Produktseite – und weiß nach zwei Sekunden schon genau, was kommt: Oben ein Inhaltsverzeichnis mit Sprungmarken. Kurze Absätze. Zwischenüberschriften als Fragen formuliert. Unten ein FAQ-Block mit fünf bis sieben Fragen, die eigentlich schon im Text beantwortet wurden. Das Layout: aufgeräumt, clean, komplett austauschbar.
Mir wird klar: Wir bauen gerade ein Web, in dem am Ende jede Seite aussieht wie die andere.
Dieser Einheitsbrei ist das sichtbare Ergebnis einer Entwicklung: KI-gestützte Content-Erstellung trifft auf SEO- und GEO-Vorgaben – und das Resultat ist eine massive Vereinheitlichung des Webs.
Was ist eigentlich GEO?
SEO kennst du vermutlich: Suchmaschinenoptimierung, damit Google eine Seite gut findet und rankt. GEO, Generative Engine Optimization, ist die neue Verwandte davon. Es geht nicht mehr nur darum, bei Google auf Seite eins zu landen, sondern darum, dass ChatGPT, Perplexity oder Googles KI-Übersichten eine Seite überhaupt als Quelle zitieren oder ihre Inhalte in eine generierte Antwort einbauen. Einen Super informativen Artikel zum Thema GEO findest du hier. Und genau hier beginnt das Problem. Damit eine KI Inhalte gut "verstehen" und extrahieren kann, gibt es Empfehlungen – egal ob ich gerade einen Handwerksbetrieb, eine Anwaltskanzlei oder einen Yoga-Blog gestalte:
- Klare H2/H3-Struktur, im Idealfall als Fragen formuliert
- Ein Inhaltsverzeichnis direkt am Anfang
- Kurze, in sich geschlossene Absätze
- Ein FAQ-Bereich mit Schema-Markup
- Antworten, die auch ohne Kontext direkt verständlich sind
Das ist keine böswillige Verschwörung von SEO-Agenturen. Es ist schlicht die logische Konsequenz davon, wie Sprachmodelle Texte verarbeiten. Strukturierte, vorhersehbare Inhalte lassen sich leichter zerlegen, zusammenfassen und zitieren als ein assoziativ geschriebener, stilistisch eigenwilliger Text. Das Tückische: Was für die Maschine optimal ist, wird zur Norm für Menschen gemacht.
Kurze Randnotiz, weil ich ehrlich sein will!
An dieser Stelle ein Geständnis: Der FAQ-Block, den du weiter unten in diesem Artikel findest, ist genau so ein Fall. Ich hätte die drei Fragen dort auch einfach in den Fließtext einbauen können. Aber ich habe sie bewusst als separaten Block mit Frage-Überschriften stehen lassen – auch damit du direkt siehst, wie sich dieser Trick liest, wenn man ihn einmal bewusst wahrnimmt. Er ist nicht falsch. Er ist nur ein Werkzeug, kein Naturgesetz. Nimm es als Pointe dieses Artikels.
Die Ironie: KI sollte individueller machen – und macht das Gegenteil
Eigentlich wurde KI als Werkzeug verkauft, das Content persönlicher und zielgerichteter macht. Texte, exakt zugeschnitten auf die Suchintention der Nutzenden. Inhalte, die in Sekunden an unterschiedliche Zielgruppen angepasst werden können.
In der Praxis erlebe ich oft das Gegenteil. Weil unzählige Websites mit denselben Tools, denselben Prompts und denselben Best-Practice-Listen arbeiten, entsteht eine Konvergenz: Alle landen bei sehr ähnlichen Strukturen, ähnlichen Satzlängen, ähnlichem Aufbau. Die generierte "Individualisierung" ist im Kern hochgradig standardisiert.
Das lässt sich auch visuell beobachten, als Webdesignerin sehe ich es fast täglich. Wenn ein Inhaltsverzeichnis, ein FAQ-Block und kurze, snackable Absätze als Content-Standard gesetzt werden, zieht das automatisch bestimmte Layout-Bausteine nach sich. WordPress-Themes und Page-Builder-Templates, die genau diese Blöcke vorgefertigt mitbringen, verstärken den Effekt zusätzlich.
Ist Struktur wirklich der Feind?
An dieser Stelle lohnt sich Ehrlichkeit statt reiner Empörung: Nicht jede Struktur ist schlecht. Ein Inhaltsverzeichnis kann bei einem langen Ratgeberartikel echten Mehrwert bieten. Kurze Absätze sind für viele Menschen angenehmer zu lesen, gerade auf dem Smartphone. FAQ-Bereiche beantworten oft tatsächlich Fragen, die Kund:innen mir wirklich stellen.
Das Problem ist nicht das Werkzeug, sondern der reflexhafte, unreflektierte Einsatz. Ein Inhaltsverzeichnis, weil es "gut fürs Ranking" ist, aber nicht, weil der Artikel es wirklich braucht. Oder ein FAQ-Block, der exakt dem INhaltsverzeichnis entspricht und zum 2. Mal die Fragen beantwortet, die bereits im Text beantwortet wurden. Oder aber: Ein FAQ-Block, der Fragen erfindet, nur um Schema-Markup zu befüllen. Zwischenüberschriften, die zu Fragen verbogen werden, obwohl ein normaler Aussagesatz klarer wäre.
Genau dieser Unterschied entscheidet, ob Struktur ein Gestaltungsmittel bleibt – oder zur Zwangsjacke wird, die jede Website gleich aussehen lässt.
Häufige Fragen, die sich Kund:innen bei mir tatsächlich stellen
- Muss ich auf FAQ-Blöcke und Inhaltsverzeichnisse komplett verzichten, um mich abzuheben?
Nein. Es geht nicht ums Weglassen, sondern ums bewusste Einsetzen. Nutze diese Elemente dort, wo sie dem Text und der Nutzerin wirklich helfen – nicht überall, wo eine Checkliste es vorschlägt. - Verliere ich Sichtbarkeit, wenn ich mich nicht an jede SEO/GEO-Vorgabe halte?
Möglicherweise ein wenig, ja. Aber eine Website, die niemand von der Konkurrenz unterscheiden kann, verliert langfristig etwas Wichtigeres: Wiedererkennbarkeit und Vertrauen. - Wie finde ich die Balance zwischen Auffindbarkeit und eigenem Stil?
Indem Struktur als Gestaltungsmittel behandelt wird, nicht als Vorschrift. Dazu gleich mehr im nächsten Abschnitt.
Was das für Webdesign bedeutet
Für mich als Webdesignerin ergibt sich daraus eine unbequeme Frage, die ich mir bei jedem Projekt neu stelle: Wie viel visuelle Eigenständigkeit ist unter diesen Vorzeichen überhaupt noch möglich – und gewollt?
Ein paar Ansatzpunkte, die sich in meiner Praxis bewährt haben:
- Struktur ja, Uniform nein.
Ein Inhaltsverzeichnis muss nicht wie jedes andere aussehen. Typografie, Farbigkeit, Illustration oder ein ungewöhnliches Layout können dieselbe Funktion erfüllen, ohne dass die Seite wie ein Template von der Stange wirkt. - FAQ als Gestaltungschance statt Pflichtübung.
Ein FAQ-Bereich kann visuell auffällig gelöst werden – mit Charakter, Ton, vielleicht sogar Humor – statt als generisches Akkordeon am Seitenende. - Bewusste Regelbrüche.
Nicht jeder Absatz muss drei Zeilen lang sein. Nicht jede Überschrift muss eine Frage sein. Wo es inhaltlich Sinn ergibt, darf ein Text auch mal fließen, ohne in Häppchen zerlegt zu werden. - Die Marke vor das Modell stellen.
SEO- und GEO-Empfehlungen sind für mich Leitplanken, keine Gestaltungsvorschrift. Meine Aufgabe bleibt, eine Website zu bauen, die nach der Marke meiner Kund:innen aussieht – nicht nach dem Algorithmus, der sie gefunden hat.
Fazit: Gefunden werden, ohne sich zu verlieren
Die Vorstellung, dass in ein paar Jahren jede Website wie eine Variation derselben Vorlage aussieht – Inhaltsverzeichnis oben, FAQ unten, dazwischen austauschbare Textblöcke – ist keine Übertreibung, sondern eine reale Tendenz, die ich in meinem Arbeitsalltag längst beobachte. SEO und GEO belohnen Vorhersehbarkeit. Das ist gut für Maschinen und schlecht für alles, was eine Website eigentlich ausmachen sollte: Haltung, Wiedererkennbarkeit, ein Gesicht.
Meine Aufgabe als Texterin und Webdesignerin liegt deshalb nicht darin, mich den Vorgaben zu verweigern. Sondern darin, innerhalb dieser Vorgaben trotzdem eine eigene Stimme zu behalten – für mich selbst und für die Menschen, deren Websites ich baue. Gefunden werden – ja. Aber nicht um den Preis, wie alle anderen auszusehen.
"Form follows function" ist auch heute noch die Maxime. Es gilt mehr denn je, eine individuelle Form zu finden.
Webdesign aus Köln
Na ja gut, aus Bergisch Gladbach
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Schöner Text und gute Darstellung des Problems!
Immerhin eröffnet dies auch Chancen sich abzuheben vom KI-Einerlei.
Ich bemerke jetzt schon eine Abneigung gegen offensichtlich KI-generierte Texte und Inhalte.
Danke für deinen Kommentar! Ich glaube, das wird die Kunst sein:
KI, SEO, GEO intelligent nutzen und sich trotzdem irgendwie treu und kreativ bleiben.